Zur Halbzeit der 29. Mannheimer Vesperkirche ziehen die Veranstalter eine traurige Zwischenbilanz: Die Nachfrage ist in diesem Jahr nochmals deutlich gestiegen. Kurz vor der Halbzeit wurden 850 warme Mahlzeiten an einem Tag ausgegeben – ein absoluter Spitzenwert. Insgesamt rechnet das Organisationsteam zur Halbzeit mit rund 9.500 ausgegebenen Essen. Die Gründe, warum Menschen die Vesperkirche besuchen, sind vielfältig. Für obdachlose Gäste ist sie bei anhaltenden Minusgraden ein lebenswichtiger Ort, um sich aufzuwärmen, zur Ruhe zu kommen und neue Kraft zu schöpfen. Andere kommen, um ihre monatlichen Ausgaben abzufedern oder weil sie allein leben und Gemeinschaft suchen. „Viele Menschen sind nicht ganz unten angekommen, spüren aber, dass Geld und soziale Kontakte fehlen“, berichtet Pfarrerin Anne Ressel.
29. Mannheimer Vesperkirche meldet neuen Höchststand
Zur Halbzeit bereits rund 9.500 warme Mahlzeiten
Ein Ort zum Auftanken – körperlich und seelisch
Die Vesperkirche ist für viele mehr als ein Ort für ein warmes Essen. Sie ist ein Raum der Würde, der Begegnung und des Dazugehörens. Gerade Menschen, die auf der Straße leben, berichten, wie wichtig es für sie ist, bei Kälte einen geschützten Ort zu haben und freundlich empfangen zu werden. Andere Gäste kommen bewusst wegen der Atmosphäre und der Gemeinschaft.
Dass es gelingt, täglich so viele Menschen willkommen zu heißen, gleicht für die Organisatoren einem kleinen Wunder. Möglich wird dies durch ein engagiertes ehrenamtliches Team, eine eingespielte Organisation und eine äußerst leistungsfähige Logistik, die auch bei stark steigenden Gästezahlen zuverlässig funktioniert.
Working Poor: Armut trotz Erwerbsarbeit
„Man kommt mit dem, was man hat, oft gerade so über die Runden – für Unvorhergesehenes reicht es nicht“, beschreibt Pfarrerin Ilka Sobottke die Situation vieler Gäste. Zunehmend kämen Menschen aus der unteren Mittelschicht in die Vesperkirche: Menschen mit Rente oder Erwerbsarbeit, die das Angebot nutzen, um finanzielle Engpässe abzufedern. „Wenn dann etwas Unerwartetes passiert – etwa eine kaputte Waschmaschine oder dringend benötigte neue Schuhe – wird das schnell zur Katastrophe. Solche Ausgaben sind im Bürgergeld oder bei sehr knappen Einkommen nicht mitgedacht.“ Besonders deutlich werde dabei eine neue Gruppe, die sogenannte Gruppe der „Working Poor“: Menschen, die arbeiten, aber dennoch nicht genug verdienen, um auskömmlich leben zu können.
Die Sozialberatung der Diakonie ist deshalb stark gefragt. Die Themen, mit denen Gäste Unterstützung suchen, sind breit gefächert: Probleme mit dem Jobcenter, Energieschulden, Nebenkosten, Mietkonflikte bis hin zu drohender Kündigung wegen Eigenbedarfs, Wohnungslosigkeit, fehlende Krankenversicherung und gesundheitliche Versorgung, psychosoziale Belastungen, Fragen zu Grundsicherung (SGB II und SGB XII), Rente, Arbeitssuche, Ausbildung, Medikamente oder Aufenthaltsrecht.
Auch Anliegen rund um psychische Gesundheit, familiäre Notlagen, Kindernothilfe oder die Situation von Geflüchteten – etwa aus der Ukraine – spielen eine Rolle. Die Beratungsangebote ermöglichen konkrete Lösungsansätze und helfen, erste Schritte aus schwierigen Lebenslagen zu finden.
Besonderes Zusatzangebot am kommenden Sonntag
Ein weiteres Highlight steht noch bevor: Am kommenden Sonntag sind erneut die Barber Angels zu Gast in der Mannheimer Vesperkirche. Die ehrenamtlichen Friseurinnen und Friseure schenken den Gästen kostenlose Haarschnitte – ein Angebot, das nicht nur das äußere Erscheinungsbild stärkt, sondern vor allem Würde, Selbstwert und neue Zuversicht vermittelt.
Außerdem laden am kommenden Sonntag, 25. Januar, 17 Uhr, die „Friends for Vesperkirche“ zu einem Benefizkonzert in die CityKirche Konkordien ein. Der Eintritt ist frei, der Erlös kommt vollständig der Mannheimer Vesperkirche zugute. Infos unter www.vesperkirche-mannheim.de (JeLa).



